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Artikel vom 18.08.2007

Erschienen in den Badische Neueste Nachrichten, Lokalausgabe „Bruchsaler Rundschau“, Baden-Württemberg

Bruchsal/Berlin

Warum es in Berlin auch eine Bruchsaler Straße gibt

Stadtinformationsanlage in Wilmersdorf erinnert an Niederschlagung der Badischen Demokratiebewegung im Juni 1949

Ab und zu huscht ein Jogger vorbei, am Wochenende flanieren hier auch Spaziergänger, und vom nahe gelegenen Spielplatz kommend, schlendern manchmal Eltern mit ihren Sprösslingen vorbei. Kaum einer bleibt stehen. Dabei ist die zu lesende Geschichte spannend und interessant. Am Rande des Volksparks Wilmersdorf in Berlin wurde eine „Stadtinformationsanlage (SIS)“ aufgestellt, die über die Niederschlagung der „Badischen Demokratiebewegung“ im Juni 1849 informiert.

Die SIS wurde von dem Berliner Werbeunternehmer und Stadtmöblierer Hans Wall unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Wall baut sonst Toilettenhäuschen und Buswartehallen, die er dann über Werbung refinanziert. Der Unternehmer engagiert sich aber auch für die Stadt, ist als Stifter und Unterstützer geschätzt. Werbetafel ist silbergrau umrandet, ein goldener Bogen umspannt die obere Kante, verziert mit dem Berliner Wappen. Der Text ist mit „Preußische Siege und das Ende der Revolution 1848/49“ überschrieben.

Bruchsaler Straße

DIE BRUCHSALER STRASSE IN BERLIN erinnert an die Niederschlagung der Demokratie-
bewegung in Baden anno 1849. Etliche Straßen tragen in Wilmersdorf die Namen badischer
Städte, darunter auch Waghäusel oder Durlach sowie Karlsruhe und Rastatt.

Der Zusammenhang zwischen der Tafel und der Parkanlage erschließt sich nicht sofort. In Wilmersdorf gibt es unweit der Informationsstele einige Straßen, die nach Orten im Badischen benannt sind. Die Durlacher, Bruchsaler, Kuppenheimer, Waghäuseler und die Badensche Straße. Es ist durchaus üblich, die Straßen eines Viertels im Zusammenhang zu benennen. So gibt es „Rheinische“ oder „Afrikanische“ Viertel in Berlin. Manche davon mehr als nur einmal. So trifft man das „Badische Viertel“ noch einmal. Im ehemals Ostberliner Stadtbezirk Mahrzahn, am äußersten Ende der Stadt wurden im Ortsteil Biesdorf am 12. Februar 1920 Bruchsal, Durlach, Karlsruhe und Rastatt noch einmal aufs Straßenschild gehoben. Das Berliner Straßengesetz verbietet zwar Doppelbenennun- gen, allerdings waren zu diesem Zeitpunkt Marzahn und Wilmersdorf selbstständige Ortschaften, Deutsch-Wilmersdorf eine Stadt und Marzahn ein aufstrebendes Dorf. Die Straßen in Wilmersdorf haben alle schon wesentlich früher, Ende des 19. Jahrhunderts, als die Ostvettern ihren Namen erhalten.

Jürgen Karwelat ist von Beruf Verwaltungsjurist, aus Passion Stadthistoriker, Mitbegründer der „Berliner Geschichtswerkstatt“, arbeitet bei der Initiative „18.03.“ mit. Anfang der neunziger Jahre gehörte er auch dem Bezirksparlament an. So ist es kein Wunder, dass ihm der zeitliche Zusammenhang der Straßenbenennungen mit dem Tod Kaiser Wilhelms I. auffiel. Als Prinzregent befehligte Wilhelm die preußischen Truppen, die die Aufständischen in Baden niederschlugen. In folge der Kämpfe wurden 27 Todesurteile und über 1.000 Zuchthausstrafen verhängt, fast sechs Prozent der Badenser, etwa 80.000 Menschen, verließen ihre Heimat und wanderten aus.

Das „Badische Wiegenlied“ stammt auch aus dieser Zeit, und der Beiname „Kartätschenprinz“ haftete seitdem Kaiser Wilhelm an. Wilhelm I. starb am 9. März 1888, nur eine Woche später erfolgte die Umbenennung der Schleswiger und Jungfernstraße in Durlacher und Badensche Straße. Gleichzeitig wurde auch die Prinzregentenstraße benannt. Nur wenige Jahre später folgten in unmittelbarer Nachbarschaft die Waghäuseler und Kuppenheimer Straße.

Jürgen Karwelat forderte eine Erläuterung der Ereignisse. Eine Anfang der achtziger Jahre vom Bezirksamt Wilmersdorf herausgegebene Broschüre über die „Bedeutung der Wilmersdorfer Straßennamen“, sah nur die geografische Zuordnung. Er konnte sich mit seinem Ansinnen nicht durchsetzen.

Umso erfreuter war er als das Thema im Jahre 2002 wieder auf der Tagesordnung der Bezirksverordnetenversammlung auftauchte. Ein Antrag der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen forderte erneut eine Kommentierung. Nach einer über einjährigen Diskussion beschloss das Parlament mit den Stimmen der SPD, der Grünen und der FDP „Eine Informationsstele an einem zentralen und besuchten Ort im Bereich der einschlägigen Straßennamen aufzustellen“. Ohne große Öffentlichkeit, die sonst bei solchen Anlässen üblich ist, wurde am 29. Oktober 2004 die Stadtinformationsanlage im Wilmersdorfer Stadtpark aufgestellt.

Der Text, für den die Historikerin Angela Martin verantwortlich zeichnete, erläutert ausführlich das Vorgehen des Preußischen Heeres gegen die badische Demokratiebewegung und schließt mit der Bemerkung „Jetzt stehen die Straßennamen für die Niederlage der Demokraten. … Es sollte 100 Jahre dauern, bis 1949 mit der Bundesrepublik eine stabile Demokratie in Deutschland errichtet werden konnte“. Auch an den einzelnen Straßenschildern wird auf den Hintergrund und die Stele hingewiesen.

Leider ist die Stele auf der, sonst ausgezeichneten und informativen, offiziellen Internet-Seite des Bezirks unauffindbar. Auch in einer „Liste der Erinnerungsorte an die Märzrevolution von 1848“ der Initiative „18.03.“ ist die Tafel nicht verzeichnet. Ein kleiner Wermutstropen, der Dr. Jürgen Hess nicht weiter stört.

Der kulturpolitische Sprecher der Grünenfraktion resümiert: „Habe mich sehr gefreut, dass unser Anliegen doch noch umgesetzt werden konnte“.

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