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in Treffpunkt 02-2008

Ungeliebtes Gedenken – eine Gedenktafel auf Abwegen?

Frank Rohlfs war überrascht. Für einen Beitrag im Gemeindeblatt der Matthäusgemeinde wollte er eine Gedenktafel fotografieren. Er hatte geschrieben: „Im Inneren des Rathauses erinnert eine weitere Gedenktafel an den Tod eines deutschen Wehrmachtsoldaten, er wurde am 24.04.1945 von der SS erhängt, weil er keinen Sinn mehr im Kämpfen sah.“

Nun war die Tafel nicht mehr auffindbar. Rohlfs berichtet: „Ich bin im alten Rathaus gewesen, habe die Leute gescheucht, eine Dame mit Sachkenntnis hat mich zum Bezirksbürgermeister in den Kreisel geschickt. Dort im Vorzimmer konnten zwei gutwillige Herren auch nur den Kopf schütteln. Es scheint, als wäre die Tafel im Zuge der letzten Renovierung in den Kreisel gewandert und dort verschwunden.“

Doris Fürstenberg hat in einem kleinen Zimmerchen unter dem Dach der Schwartzschen Villa ihr Büro. Die Geschichtswissenschaftlerin ist Koordinatorin für dezentrale Kulturarbeit im Bezirksamt Steglitz. Im Rahmen der Ausstellung „Alles neu – 50 Jahre Kriegsende in Steglitz“ hat sie die Geschichte der Gedenktafel ausführlich nachgezeichnet.

Die Gedenktafel am Tatort

Kurz nachdem am 24.4.1945 an einem Straßenbahnmast vor der Albrechtsstraße 2 ein Soldat, vermutlich der Obergefreite Werner, erhängt worden war, hing am Mast eine erste Tafel, die an die Gräueltat erinnerte. Auf einem Blechschild stand für alle gut lesbar: „Hier wurde am 24.4.1945 ein deutscher Soldat, weil er den zwecklosen wahnsinnigen Krieg nicht weiter mitmachen wollte, von vertierten Nazi-Bestien erhängt.“

Nur drei Jahre später gefiel der Text den politisch Verantwortlichen nicht mehr. Ein neuer Text und ein neues Material mussten her. Diesmal wurden die Worte in Holz geschnitzt, aus „Nazibestien“ wurden „unmenschliche Nationalsozialisten“. 1951 wollte die FDP für mehr Würde an der Gedenkstätte sorgen, monatlich sollten frische Blumen am Fuß der Tafel niedergelegt werden, im Herbst und Winter sollte sie beleuchtet werden. Obwohl von der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen, kam es nicht zur Verwirklichung des Vorhabens.

Die Gedenktafel in der Vitrine

1967 verschwand die Tafel zum ersten Mal gänzlich aus dem Stadtbild. Es stellte sich heraus, nachdem aufmerksame Bürger das Fehlen moniert hatten, dass die Tafel von der BVG abgenommen worden war, da der Mast nicht mehr benötigt und deshalb abmontiert worden war. Die Tafel landete im Lager der Hausinspektion des Rathauses. Die Proteste halfen, im ersten Stock des alten Steglitzer Rathauses wurde nun die Tafel samt Erklärung in einer Vitrine ausgestellt. Allerdings wurde sie – mitten zwischen Geschenken aus den Partnergemeinden des Bezirks – meist übersehen. Mitte der 80er Jahre entbrannte wiederum im Bezirksparlament die Diskussion, ob die Tafel nicht erneut am Ursprungsort angebracht werden könne.

Der Antrag der AL scheiterte, die CDU versprach, für eine bessere „Herausstellung innerhalb der Rathauses“ zu sorgen. In derselben Sitzung wurde eine Vorschlagsliste für das von der Sparkasse finanzierte Programm „Berliner Gedenktafel“ beschlossen; auf die Idee, die Tafel in das Programm aufzunehmen, kam niemand. So war alles noch 1995 unverändert, die Tafel schlummerte in der Vitrine vor sich hin.

Die Gedenktafel unter Verschluss

Erneutes Unheil nahte, als im Zuge des Baus des neuen Einkaufcenters „Das Schloß“ auch das Rathaus umgebaut wurde. Für die Vitrine und damit für die Tafel war kein Platz mehr vorhanden. Anders als die Gedenktafel für die „Gefallenen Krieger des I. Weltkriegs“ fand sie nicht mehr den Weg zurück in die Öffentlichkeit.

Es ist nicht erwiesen, aber wahrscheinlich, dass das Verschwinden mit der Haltung des damaligen Bezirksbürgermeisters Herbert Weber zusammenhängt. Die Tafel muss Weber seit langem ein Dorn im Auge gewesen sein. Seine Haltung wurde 2004 bei einer Ansprache zum Volkstrauertag deutlich, er sagte unter anderem: „Die meisten Deserteure hatten etwas auf dem Kerbholz und wussten, weshalb sie abhauten“.

Auf jeden Fall ist die Tafel seit inzwischen vier Jahren unter Verschluss, gelagert im Vorzimmer des Bezirksbürgermeisters.

Ein neuer Ort für die Gedenktafel?

Bezirksbürgermeister Norbert Kopp kann und will nicht über die Gründe spekulieren, die dazu geführt haben, dass die Tafel jahrelang im Bürgermeistervorzimmer langsam verstaubte.

„Wir werden nach der Einrichtung des Bürgerbüros im Alten Rathaus, spätestens im Herbst diesen Jahres (2007), die Gedenktafel wieder anbringen“, verspricht der Rathauschef. An eine offizielle Einweihungszeremonie sei bisher nicht gedacht. Die Grünen-Fraktion versprach, sich des Themas anzunehmen.

Die Befürchtung von Frank Rohlfs, dass die Gedenktafel beim Umzug aus dem Kreisel im November 2007 gänzlich verloren gehen könnte, scheint sich nicht zu bestätigen; dies bleibt aber abzuwarten.

von Andreas Koska

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