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Artikel vom 11.05.2007

KREUZBERG

Im Schilderwald

Teil 1 der MAZ-Serie: die Jüterboger Straße in Berlin-Kreuzberg

In fast jedem größeren Ort Deutschlands findet man eine Berliner Straße. Und umgekehrt? Die hiesige Re gion ist immerhin 26-mal auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. Die MAZ stellt in loser Folge diese Straßen genauer vor. Heute: die Jüterboger Straße in Berlin-Kreuzberg.

In diesem Jahr, wo Jüterbog das Millennium begeht, wird die in Berlin-Kreuzberg gelegene Jüterboger Straße immerhin den 110. Jahrestag der Benennung feiern können. Die Straße zieht sich parallel zum Grat der Tempelhofer Berge, Ausläufern der Hochebene des Teltow. Als die Stadt Berlin unaufhörlich wuchs, wurden außerhalb der Stadtmauern neue Wohngebiete erschlossen.

Südlich des Halleschen Tores entstand die Tempelhofer Vorstadt. Benannt nach einem inzwischen zu Berlin gehörenden kleinen Dorf. Die Straßen in dieser Gegend wurden in der Hauptsache nach Berliner Ärzten und nach Ortschaften südlich Berlins benannt. Man findet hier die Mittenwalder, Baruther oder Zossener Straße. Als die Jüterboger Straße am 4. August 1897 ihren Namen erhielt, war auch die bis heute vorhandene Bebauung fertig.

Die Jüterboger Straße Mit der Kamera vor Ort

Zu lange Wartezeiten

Die eine Straßenseite nimmt in Gänze das Gelände des Garde-Kürassier-Regiments ein, heute Polizei und Kraftfahrzeugzulassungsstelle.

Auf der anderen Straßenseite waren die sechs Wohnhäuser entweder schon fertig oder kurz vor der Fertigstellung. Hinter der hier beginnenden Heimstraße, befinden sich die „Friedhöfe an der Bergmannstraße“, deren Gelände bis hierher reicht.

Die Straße selbst genießt in Berlin keinen guten Ruf. Es liegt vor allem daran, dass die meisten damit lange Wartezeiten und Ärger mit Behörden verbinden. In ganz Berlin gibt es nur zwei Kfz-Zulassungsämter und das für 3,5 Millionen Menschen. Jeder, der sein Auto an-, um- oder abmelden will, muss hierher.

Die erste Schlange an der Information, an der man die entsprechende Wartenummer erhält. Die nächste am Bearbeitungsschalter, danach wieder warten, gegebenenfalls neue Kennzeichen in Auftrag geben und wieder warten. So hat manch einer einen ganzen Vormittag hier verbracht. Obwohl die Wartezeiten im Verhältnis zu vor zehn Jahren etwas kürzer geworden sind, kann man auch jetzt noch zwei bis drei Stunden für diese Erledigungen einplanen.

Die Kasernen für die Garde-Kürassiere und das Königin-Augusta-Garde-Grenadier-Regiment wurden 1897 errichtet. Das Kürassier-Regiment führte seine letzte Schlacht am 29. Oktober 1918, von den 37 Offizieren und 713 Unteroffizieren überlebten nur 31 Unteroffiziere den Kampf. Von den einfachen Soldaten sagt die am Haus angebrachte Gedenktafel nichts. 1920 übernahm die Polizei das Gelände, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Hausherr wurde. Von 1936 bis 1945 befand sich hier die „Reichsanstalt für Luftschutz“.

Neben einem Hochbunker wurde auf dem Gelände in den Jahren 1942 bis 43 eine unterirdische Musteranlage für Luftschutzstollen errichtet. Diese gibt es bis heute, jetzt wird sie vom Verein „Berliner Unterwelten“ unterhalten. Dieser Verein bietet Führungen durch das unterirdische Berlin und die unterschiedlichsten Bunkerbauten an.

Historische Friedhöfe

Hier soll perspektivisch eine Ausstellung zur Geschichte des Geländes aufgebaut werden. Am Columbiadamm erinnert ein Denkmal an die Nutzung als Konzentrationslager der Gestapo. Erich Honecker und Ernst Thälmann gehörten zu den prominenten Insassen.

Zurück zur Gegenwart, gegenüber der Zulassungsstelle drängen sich Wohnwagen und Container dicht an dicht. Darin werden Autoversicherungen, sogar auf Russisch (cmpaxobka – Zollkennzeichen samt Versicherung) angeboten, Schilderhersteller kämpfen um Kunden. Früher sollen sogar am Eingang zum Amt Schlepper die möglichen Kunden abgefangen haben. Da offensichtlich Preisabsprachen der Kennzeichenhersteller vorhanden sind, fast unverständlich.

Beim Fotografieren der Container werde ich sofort von einem Mann angesprochen „was ich hier täte“ und aufgefordert, keine Gesichter zu fotografieren. Er stellt sich als Andreas vor und erklärt, hier für Ordnung zu sorgen. Sein Arbeitgeber, ein Versicherungskaufmann und Schilderhersteller, würde aufpassen, „dass hier Ruhe und Ordnung herrscht, weil die Straße und das Gewerbe in der letzten Zeit in Verruf geraten seien“. Seiner mächtigen Erscheinung glaubt man durchaus, dass er in der Lage dazu ist. Auf die Frage, ob er mit dem Straßennamen etwas anfangen kann, verweist er auf seinen Chef.

Die Container verdecken den Blick auf die dahinter liegenden Friedhöfe. Es sind die „Historischen Friedhöfe an der Bergmannstraße“. Viele berühmte Berliner wie Adolf Menzel oder Gustav Stresemann sind hier beigesetzt. Die Grabmale wurden von bedeutenden Bildhauern wie zum Beispiel Karl-Friedrich Schinkel geschaffen. Ein Spaziergang über diese Anlage ist lohnenswert. Nur ein paar Schritte weiter kommt der Flughafen Tempelhof ins Blickfeld, auch hier lohnt sich eine Erkundungstour.

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