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Artikel vom 19.04.2007

Ruhig und zugleich zentral

3. Teil der MAZ-Serie: die Baruther Straße in Berlin-Tempelhof

In fast jedem größeren Ort Deutschlands findet man eine Berliner Straße. Und umgekehrt? Die hiesige Region ist immerhin 26-mal auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. Als die neuen Bezirke Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, war es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden der eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Die MAZ stellt in loser Folge diese Straßen genauer vor. Heute: die Baruther Straße vor dem Hallischen Tor in Berlin-Tempelhof.

Carsten Winterbuer wohnt erst seit vier Monaten in der Baruther Straße. Der Diplom-Chemiker gibt zu, sich noch keine Gedanken über den Namen der Straße gemacht zu haben. Er schätzt die Ruhe bei der gleichzeitig zentrale Lage seines Wohnortes. „Bis zur U-Bahn brauche ich keine zwei Minuten, das ist mir wichtig, von dem Verkehrslärm auf dem Mehringdamm bekomme ich nichts mehr mit“, schildert er die Situation.

Der Mehringdamm ist eine stark befahrene Verkehrsader zwischen der City und dem Flughafen Tempelhof. Die Baruther Straße zweigt von ihm ab und führt, für Fahrzeuge allerdings unterbrochen, zur Zossener Straße. Die einzigen, die die Straße nutzen, wohnen hier oder suchen einen Parkplatz. Die Parkplätze werden gern als Ablösestelle von Taxiunternehmen genutzt, da meist ein freier Platz zu finden ist.

Zwei Schulen und einige Wohnhäuser, das war es. Damit ist die eine Straßenseite hinreichend beschrieben. Die Lenau-Schule ist eine Grundschule, untergebracht in einem Neubau, der 1978 bis 1981 vom Hochbauamt Kreuzberg projektiert worden ist. Die Hans-Böckler-Schule, nur wenige Schritte weiter, ist ein Oberstufenzentrum. Hier werden Installateure und Bauschlosser ausgebildet. Das Gebäude ist 1877 als Gemeindeschule für den aufstrebenden Ortsteil entstanden.

Nur 13 Jahre früher, am 12. Februar 1864 hat die Baruther Straße als eine der ersten in der Tempelhofer Vorstadt ihren Namen erhalten. Die frühe Erschließung und Namensgebung mag daran liegen, dass die nördliche Straßenseite schon seit 1735 genutzt wird. In diese Zeit datiert die Anlage der nach und nach insgesamt fünf im Karree Zossener Straße, Blücherstraße, Mehringdamm und Baruther Straße liegenden Friedhöfe. Sie zählen zu den ältesten und historisch bedeutendsten Gräberfeldern Berlins. Es sind die einzigen Friedhöfe aus dieser Zeit, auf denen immer noch bestattet wird.

Die Entstehung verdanken sie einer Order Friedrich Wilhelms I., der anordnete, dass alle Friedhöfe nur noch außerhalb der Stadtmauern anzulegen sind. Als erste folgten dem Wunsch die Jerusalems- und Neue Kirchengemeinde, dann die Dreifaltigkeitgemeinde, die Böhmische Gemeinde und die Herrnhuter Brüdergemeinde. Die erste erweiterte ihr Areal noch zweimal. Viele bekannte Berliner Künstler, Wissenschaftler und Unternehmer haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden und viele bedeutende Bildhauer haben für die Grabanlagen verantwortlich gezeichnet.

Alle zu erwähnen, würde den Rahmen sprengen, eine kleine Auswahl ist aber unerlässlich.

Adalbert von Chamisso, der Botaniker und Dichter, Verfasser des „Schlemihl“, Adolf Glassbrenner, ohne den es keinen Eckensteher Nante gäbe, Rahel Vernhagen von Ense, die durch ihre literarischen Salons berühmt wurde, August Iffland repräsentieren die Literatur. Der bedeutendste Literat dürfte jedoch E.T.A. Hoffmann sein. Auf seinem Grabmal wurde das A. durch W. wie Wilhelm ersetzt. Im Leben hatte er sich Amadeus, aus Verehrung für Mozart, genannt. Der Erbauer des Brandenburger Tores, Karl F. Langhans, David Gilly, der Lehrer Schinkels, und der Schöpfer des Schlosses Charlottenburg, Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff gehören zu den Baumeistern Berlins. Der Maler Friedrich des Großen, Antoine Pesne, und der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy haben ebenfalls hier ihre Gräber.

Heinrich von Stephan führte als Postminister die Briefmarke und das Telefon ein, die Ärzte Albrecht und Carl Ferdinand Graefe sowie Ludwig Heim sind über die Grenzen der Stadt bekannt geworden. Schadow, Schinkel, die Gillys und Gentz waren hier künstlerisch tätig. Am Tag des Friedhofs werden über die Friedhöfe Führungen angeboten. Einen erschwinglichen Führer über die Gottesacker hat der Luisenstädtische Bildungsverein herausgegeben. Mit diesem in der Hand kann man hier problemlos einige Stunden verbringen, dabei über die Vergänglichkeit und den Sinn des Lebens nachdenken und die Schönheit des Ortes genießen.

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