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Artikel vom 17.01.2007

Lebhafte Bummelmeile im Herzen Berlins

MAZ-Serie: Fläming-Orte im Straßenverzeichnis der deutschen Hauptstadt:
Teil 2: die Belziger Straße

In vielen Orten – so auch in Belzig – Deutschlands findet man eine Berliner Straße. Wie sieht es aber in Berlin mit Straßen aus, deren Namen einen Bezug zum Fläming haben? Gut ein Dutzend Mal ist die Region auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. So erhielten allein am 3. August 1983 fünf Straßen in Marzahn den Namen von Orten aus dem Fläming. Als zu DDR-Zeiten die drei Wohngebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, wurde es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden und Orten der dort eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Direkt am S-Bahnhof Ahrensfelde befinden sich die Flämingstraße, die Borkheider-, Niemegker und Rabensteiner Straße sowie der Belziger Ring. Die Belziger Straße in Schöneberg dagegen gibt es bereits seit dem 29. April 1882. MAZ-Mitarbeiter Andreas Koska und Astrit Klammt bummelten über die Straße im Herzen Berlins. Belzig? Das ist doch eine Stadt in Brandenburg„, sagt Modedesignerin Cornelia Lohrer. Besucht hat die Berlinerin die Kur- und Kreisstadt, nach der die Straße benannt wurde, allerdings noch nicht.

Anders Friseurmeister Friedhelm Rückert. Er war Anfang der 80er-Jahre schon einmal in Belzig. Zusammen mit anderen Geschäftsleuten. „Wir wollten doch wissen, wie es in dem Ort aussieht, nach dem unsere Straße benannt ist“, erzählt er.

Friedhelm Rückert begann 1966 seine Lehre in dem Geschäft, das er 1978 von seinem Lehrmeister übernahm. „Früher war die Belziger eine sehr pulsierende Straße“, meint er. „Wir haben ja damals vom Rathaus mit gelebt.“ Gemeint ist das Rathaus Schöneberg. Es war Westberliner Regierungssitz sowie Amtssitz des Regierenden Bürgermeisters, der alliierten Verbindungsoffiziere und auch Tagungsort des Berliner Abgeordnetenhauses. Als Lehrling habe er sogar Willy Brandt, dem früheren Regierenden Bürgermeister und späteren SPD-Vorsitzenden die Haare gewaschen, erinnert sich Rückert. Die Geschäfte der beiden so unterschiedlichen Unternehmer liegen an der Belziger Straße im Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Im April 1882 erhielt die Straße ihren Namen. Sie ist rund ein Kilometer lang und führt von der Hauptstraße bis zum John-F.-Kennedy-Platz am besagten Rathaus Schöneberg.

Der Abschnitt von der Akazienstraße in Richtung Hauptstraße wurde 1910 in die Straße miteinbezogen. Am Rathaus Schöneberg hielt der amerikanische Präsident John F. Kennedy im Juni 1963 seine Rede mit dem berühmten Bekenntnis „Ich bin ein Berliner“. Heute residiert dort der Bürgermeister von Tempelhof-Schöneberg. Der Turm des Rathauses kann bestiegen werden. Hin und wieder ist noch die Berliner Freiheitsglocke – während des Kalten Krieges wichtiges Symbol des Westens Berlins – zu hören.

Lubitsch-Komödien im „Notausgang“

Wer am U-Bahnhof Kleistpark aussteigt und die Hauptstraße in Richtung Potsdam schlendert, merkt sofort, woher der Bezirk seinen Namen hat. Steil führt die Straße bis zum geschäftigen Zentrum Schönebergs am Kaiser-Wilhelm-Platz. Man spürt als Fußgänger und Radfahrer die Steigung aus dem Spreetal auf das Teltow-Plateau in den Beinen. Auf dem halben Weg hinauf zweigt die Belziger Straße ab.

Hier, gleich im ersten Haus auf der rechten Seite, gab es noch vor wenigen Jahren ein kleines Kino. Der „Notausgang“ hatte sich auf alte Lubitsch-Komödien spezialisiert. Der Meister selbst saß dauerhaft in der fünften Reihe, aus Gips zwar, aber lebensgroß. Das Kino ist verschwunden, in der alten Backstube nebenan kann man seit über 30 Jahren ein Bierchen trinken. Die ehemalige Studentenkneipe „Feinbeckerei“ (mit e!) hat die Wirren der Zeiten überdauert.

Danach dominiert die Jugend. Zwei Kindertagesstätten und ein Spielplatz beleben das Areal. Gegenüber denkmalgeschützte, scheinbar dem Verfall preisgegebene Gebäude der ersten Berliner „Irrenanstalt“ – Maison de Santé – lassen die alte Nutzung nicht mehr erkennen. Der an einen Burgturm erinnernde Wasserturm überragt das Ensemble. Die Freifläche dient einem großen türkischen Supermarkt als Parkplatz. Kein Wunder, dass türkische Freiberufler und Anwälte in den wenigen nutzbaren Räumen ihre Dienstleistungen anbieten. An der Kreuzung Akazienstraße tobt das Leben. Auch die Belziger Straße wird hier zu einem Nahversorgungszentrum.

In den meisten der aufwändig renovierten Häuser, die um 1900 gebaut wurden, finden sich Designerboutiquen, modern gestylte Friseurbetriebe und Blumenläden. Auch Geschäfte, in denen man Bioprodukte kaufen kann, die neuesten Dekorationsartikel für die Wohnung erhält oder aber Kinderbücher bekommt, verführen zum Einkaufen.

Auch eine der letzten Kohlehandlungen ist in der Belziger Straße vertreten. Daneben einige Lokale mit internationaler Küche. Griechisch, italienisch und indisch sind im Angebot. Ein Inka-Café bietet Südamerikanisches an. Designerboutiquen haben sich ebenso angesiedelt wie ein Trödler und ein Antiquar. Die Papierwarenhandlung „Papierhaus“ genießt einen guten Ruf in ganz Berlin. Anegsichts dieses Angebots ist die Straße für Modedesignerin Cornelia Lohrer „eine echte Bummelmeile“.

Spannend sind die Gewerbehöfe. Man sollte sich trauen, diese zu erkunden, zum Beispiel im Haus Nr. 25. Hier kann man bis zum dritten Hinterhof vordringen. In den ehemaligen Industrieetagen und den Quergebäuden sind heute die viel gerühmten Berliner Kreativen zu Hause. Architekten, Designer, Graphiker, eine Flamencoschule und sogar eine Modelagentur.

An die „Schule für orientalischen Tanz-Salomé“ erinnert nur noch ein Schild. In einem der Büros ist ein Modell des Berliner Olympiastadions zu bewundern. Die Ausschreibung hat jemand anders gewonnen. Das Modell bleibt.

Hier hat auch Boris Buchholz sein Büro. Der 39-jährige Designer und Pressesprecher der Allianz Deutscher Designer gestaltet in der dritten Etage des vierten Quergebäudes Zeitungen, Zeitschriften und andere graphische Erzeugnisse. Der junge Vater gesteht, noch nie in Belzig gewesen zu sein, weiß aber immerhin, dass die Stadt Bad werden will und eine Kurklinik hat. Mit seinem Boot, so sagt er, segelt er lieber auf dem Beetzsee bei Brandenburg.

Anders Claudia Pienkny. Die Mitarbeiterin einer großen Berliner Bank kommt immer wieder gerne in die Belziger Straße zum Einkaufen. Sie wohnte über Jahre hier, ihre Tochter ist hier geboren, wohnt jetzt auch nur wenige Straßen weiter. Immer wieder fährt sie auch nach Belzig. Vor Jahren wurde sie durch eine Silvesterfeier in der „Springbachmühle“ angelockt und hält der Stadt durch alljährliche Besuche weiterhin die Treue.

Udo Wiebener, ein sportlicher Fünfziger, hat den Kiez nie verlassen. Hier ist er geboren, hier war seine erste Studentenbude. Nach Heirat und der Geburt der Tochter wurde die Wohnung größer, die Adresse nicht. Die Verbundenheit zur Straße führte ihn samt Familie auch sofort nach der Wende nach Belzig. Von der Burg Eisenhardt schwärmt er noch heute.

Stolpersteine zur Erinnerung

Alle drei finden in der Belziger Straße die Mischung aus Arbeiten, Wohnen und Einkaufen, aber auch die Vielfalt und Internationalität der Bewohner besonders reizvoll.

Schräg gegenüber – vor Haus Nr. 30 – ist stolpern erwünscht. Drei so genannte Stolpersteine erinnern seit 2003 an das Schicksal von drei Schwestern: Elfriede, Erna und Gertrud Apt. Sie wurden 1941 von den Nationalsozialisten auf Grund ihres jüdischen Glaubens direkt aus ihrer Wohnung verschleppt und nach Kowno (Litauen) deportiert. Sie gelten als verschollen.

Ein Stück weiter werden exklusive Lofts – großzügige Wohnräume in alten Fabrikgebäuden – großflächig angepriesen. Hier befand sich fast 100 Jahre lang die Sargfabrik von Julius Grieneisen. Daneben waren hier auch die Garagen des Fuhrparks des Unternehmens, darunter bis zum Anfang dieses Jahrhunderts auch noble Begräbniskutschen. Das Unternehmen ist jetzt in Charlottenburg zu finden. Eine Kuriosität bietet der an der Ecke Eisenacher Straße gelegene Fahrradladen an. Was auf den ersten Blick wie ein Zigarettenautomat ausschaut, ist ein Fahrradschlauchautomat. Zu jeder Tag- und Nachtzeit gibt es auch passende Ventilsorten.

Der mächtige, aus rotem Klinker errichtete Bau gegenüber an der Berliner Straße 43 beherbergt die „Riesengebirgs-Oberschule“, eine verbundene Haupt- und Realschule. Das 1897 errichtete Gebäude steht unter Denkmalschutz. In der Turnhalle der Schule kann man abends die Boxer der Schöneberger Sportfreunde 1924 e.V. beim Training beobachten. Dank der guten Jugendarbeit gibt es aktuell viele Berliner und norddeutsche Jugendmeister im Verein.

An der Belziger Straße 52 werden sichergestellte Fahrzeuge der Berliner Polizei aufbewahrt. Auf dem Gelände befand sich bis 1964 ein Straßenbahnbetriebshof. An den Grünanlagen des Heinrich-Lassen-Parkes verbringen in einem Seniorenwohnheim alte Menschen ihren Lebensabend. Die Anlage aus dem Jahr 1953 ist aus der Zusammenlegung von mehreren Gärten der „Millionenbauern“ von Schöneberg entstanden. Die Bauern des damaligen Dorfes Schöneberg gelangten durch die Umwandlung der Äcker zum Bauland und durch deren Verkauf zu Reichtum. Einige Villen zeugen immer noch davon. In einer der Villen befindet sich ein sehenswertes Kinder- und Jugendmuseum.

Türkischer Kindertag im Sommer

Durch den Park gelangt man auch zum Familienbad Schöneberg mit Rutsche, Sole- und Schwimmbecken. Den Bau hat der Namensgeber des Parks angeregt. Im Mai wird im Park der türkische Kindertag begangen mit zehntausenden von Besuchern.

Etwas ruhiger geht es ein paar Schritte weiter zu. Hier befindet sich der Hintereingang des Schöneberger Dorffriedhofs. Die Mausoleen zeugen ebenfalls vom Reichtum der Millionenbauern. Hier ist auch das Grab des Architekten Franz Heinrich Schwechten, des Erbauers des Anhalter Bahnhofs. Damals eine größere Sensation als der heutige Hauptbahnhof.

Von hier ist es nur ein Katzensprung bis zum John-F.-Kennedy-Platz. Nur wenige Meter entfernt – In Nummer 70 – hat die K. Elsner GmbH – ein Haushaltsgeräteservice und Spezialist für Staubsauger, Gasherde und Espressomaschinen – ihren Sitz. Das Unternehmen wurde 1952 gegründet. Eine bekannte Adresse für alle, die Staubsaugerbeutel für ältere Modelle suchen. Max Biller, der bekannte Autor und Publizist, ist der einzige von dem bekannt wurde, dass er nicht den passenden Ersatz gefunden hat. Seine Enttäuschung darüber hat er sogar publizistisch verarbeitet. Fazit des Spaziergangs: Die Belziger Straße in Berlin ist eine Straße, die für jeden etwas bietet.

(wird fortgesetzt)

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