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Artikel vom 18.01.2007

„Hilf mir, es selbst zu tun”

Unterrichtsangebote nach Maria Montessori nehmen im Fläming zu

„Experimentieren macht Spaß.“ Die siebenjährige Lina ist vom Unterricht nach der Methode von Maria Montessori begeistert. Ihre Mutter, Anke Brandt aus Cammer, pflichtet ihrer Tochter bei. „Lina ist gern in der Schule, lernt nicht nur, sondern hat auch Freude am Unterricht“, sagt sie. „Anfangs war ich skeptisch, ob die Flexklassen und die Montessoripädagogik das Richtige sind. Inzwischen bin ich überzeugt, für meine Tochter auf jeden Fall“ fügt sie hinzu.

Freiarbeit als Kernstück des Konzepts

Vor genau 100 Jahren, im Januar 1907, hat Maria Montessori, eine italienische Ärztin und Pädagogin, ihr erstes Kinderhaus geöffnet. Im „Casa del bambini“ wurden Jungen und Mädchen unterschiedlichen Alters aus römischen Arbeiterfamilien aufgenommen. Die so genannte Freiarbeit ist das Kernstück des pädagogischen Konzeptes. Motorische Fähigkeiten, Lesen und Rechnen werden anhand von ganz speziellen Materialien erlernt. Jeder Schüler darf das nehmen, was er will. Er muss dann aber seine Arbeit beenden, bevor er etwas Neues anfangen kann. „Hilf mir, es selbst zu tun“, ist der Leitspruch der Arbeit nach Maria Montessori und gleichzeitig Programm.

An der Grundschule Brück hat alles 1993 begonnen. Eine Gruppe aus der Tagesstätte Cammer wollte damals gemeinsam eingeschult werden, obwohl ihr Kinder unterschiedlicher Begabungen angehörten. Die Schulleitung ließ sich auf das Wagnis ein und die erste Integrationsklasse an der Einrichtung war eröffnet.

Eine Lehrkraft mit Erfahrung in der Arbeit mit behinderten Kindern wurde gesucht und gefunden. Heike Noll kam an die Schule und mit ihr die Pädagogik nach Montessori.

Von Anfang an hatte sie die Unterstützung der Schulleitung. Für die Eltern und das Lehrerkollegium waren ihre Methoden exotisch. Kein 45-Minuten-Takt der Unterrichtstunden, keine Fibel, Freiarbeit. Einige Mütter und Väter hospitierten im Unterricht, andere kamen erst nach dem Unterricht in den Klassenraum, um die Materialien zu bestaunen. Inzwischen hat sich diese Neugierde gelegt, die Methode ist bei den Kollegen anerkannt und von den Eltern gewünscht. Alle vier aktuellen Eingangsklassen arbeiten nach dem Flex-Modell mehr oder weniger jahrgangsübergreifend mit Integration von behinderten und nichtbehinderten Schülern. Acht Lehrer und Erzieher haben das Montessoridiplom erworben oder Fortbildungen besucht.

Möglich wurde dies dank der Unterstützung des Amtes Brück und der Schulleitung. Der stellvertretende Schulleiter, Dietmar Heinrich, weist auf die Methodenfreiheit der Lehrer hin, betont aber „die Kollegen, die nach Montessori unterrichten, geniessen unser vollstes Vertrauen und haben unsere Unterstützung“. Die Schule kooperiert eng mit den Kindergärten im Einzugsbereich, so dass die Abc-Schützen und ihre Eltern bei der Einschulung gut vorbereitet sind.

Die Schüler der allerersten Integrationsklasse haben inzwischen Berufsausbildungen abgeschlossen oder Abiturprüfungen abgelegt. Die Abiturientin mit dem besten Reifezeugnis des Fläming-Gymnasiums Belzig – Anna Herrmann aus Cammer – gehörte zu ihnen. Ein anderer Schüler hat soeben im Berliner Zoologischen Garten die Tierpflegerlehre abgeschlossen.

Sein Vater, Jürgen Giese, bedauert bis heute, dass es keine Oberschule im Fläming gab und gibt, an der sein Sohn hätte weiter nach Montessori unterrichtet werden können.

Sommerschule für interessierte Pädagogen

Heike Noll steht dem Arbeitskreis für Montessori-Pädagogik Brandenburg e.V. vor. So hat sie mit Erfolg seit 1999, zuerst in Baitz und dann auf der Burg Rabenstein, eine Sommerschule für interessierte Pädagogen veranstaltet. In der Brücker Grundschule gibt es eine rege nachgefragte Lernwerkstatt für Erzieher und Lehrer aus der gesamten Mark. In der ganzen Welt gibt es inzwischen 22 000 Einrichtungen, die die Ideen Maria Montessoris umsetzen, davon über 1000 in Deutschland.

Auch hier zu Lande ist die Brücker Grundschule nicht mehr allein geblieben. Die Klingenberg-Grundschule in Brandenburg/Havel und die Freie Schule Lübnitz bieten ebenfalls den Unterricht an. In der Dippmannsdorfer Schule haben zwei Lehrer die notwendige Ausbildung, in der Förderschule „Am Grünen Grund“ in Belzig drei Pädagogen. Die Idee setzt sich zunehmend durch.

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