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Artikel vom 24.01.2007

"Beim Fläming denke ich an den Harz"

MAZ-Serie: Fläming-Orte im Straßenverzeichnis der deutschen Hauptstadt:
Teil 3: die Flämingstraße

In vielen Orten Deutschlands – so auch in Belzig – findet man eine Berliner Straße. Wie sieht es aber in Berlin mit Straßen aus, deren Namen einen Bezug zum Fläming haben? Gut ein Dutzend Mal ist die Region auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. So erhielten allein am 3. August 1983 fünf Straßen in Marzahn den Namen von Orten aus dem Fläming. Als zu DDR-Zeiten die drei Wohngebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, wurde es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden und Orten der dort eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Direkt am S-Bahnhof Ahrensfelde befindet sich die Flämingstraße. MAZ-Mitarbeiter Andreas Koska stellt sie vor.

I m Nordosten Berlins, direkt an der Stadtgrenze, liegt Marzahn-Nord. Ein Ortsteilname, der an hiesige Ortsnamen erinnert: Marzahna, Marzahne oder Marzehns. Trotzdem ist er von Belzig aus gesehen die entfernteste Ecke Berlins. Hier, wo die Platte dominiert, gibt es gleich fünf Namen, die an den Fläming und seine Ortschaften erinnern. Zum Beispiel die Flämingstraße.

Am besten zu erreichen ist diese Ecke der Hauptstadt mit der S-Bahn. Die S 7 führt direkt vom Potsdamer Hauptbahnhof über Wannsee, Berlin-Hauptbahnhof, Friedrichstraße und Lichtenberg nach Ahrensfelde. Hier sollte man hinten aussteigen. Wer vorn aussteigt, bekommt schon das Ortsausgangsschild von Berlin zu sehen. Eine mächtige Fußgängerbrücke überspannt die Gleise, die Bahnsteige und die Märkische Allee, die Hauptverkehrsader in ganz Marzahn. Wer die Brücke überquert wird alle Vorurteile gegen die Schlafstadt bestätigt bekommen. Sie ist auf den ersten Blick verdreckt und voller Graffiti. Deshalb lieber gleich die Straße queren. Am Ahrensfelder Platz beginnt die Erkundungstour.

Entlang der Märkischen Allee sieht man vier größere Blöcke, die in sich geschlossen wirken. Allesamt Sechsgeschosser, Bautyp WBS 70. Die Wohnungsbauserie 70 war ein speziell für den industriellen Geschosswohnungsbau entwickelter Häusertyp für beliebig viele Geschosse. Deshalb ist es auch heute so einfach, sie wieder zurückzubauen, was einige Ecken weiter geschieht. Aus elf werden vier Geschosse.

Insgesamt befinden sich in den Gebäuden 1547 Wohnungen. Alle haben große, grüne Höfe mit Spielplatz und Liegewiese. Sie gehören zur Berlin–Brandenburgischen Wohnungsbaugenossenschaft. Die vier Blöcke erhielten den werbewirksamen Namen „Märkisches Karree“. Ihre Postadresse lautet Flämingstraße. Eine 1-Zimmer-Wohnung mit 32,6 Quadratmetern kostet hier 248 Euro warm, eine Vier- Zimmer-Wohnung mit 82,77 Quadratmetern immerhin 572 Euro. Nicht gerade billig, aber wieder gefragt. Nachdem Mahrzahn-Nord zur Wendezeit noch 35 000 Einwohner zählte, wohnten zur Jahrtausendwende nur noch 23 000 Menschen hier. Seitdem bleibt die Einwohnerzahl allerdings stabil.

Dabei waren diese Wohnungen einst heiß begehrt. Als am 3. August 1983 die Namensgebung der Straße erfolgte, stand hier noch kein einziges Haus. Erst ein Jahr später waren die ersten Plattenbauten bezugsfertig. Flämingstraße 1 wurde am 22. Juli 1985 bezogen. Hier befindet sich ein zum Begegnungszentrum ausgebauter Mieterkeller. Die Nutzer gründeten nach der Wende einen Verein: „Die Fläminger e.V.“. Hier finden gesellige Veranstaltungen statt, außerdem werden die Räume auch an Bildungsträger für Seminare vermietet. Die Gebäude wurden zwischen 2001 und 2004 saniert. Sie erhielten neue Fenster, Loggien, Aufzüge. Die Fassaden wurden bunter. Die Farben Blau und Orange dominieren.

Weiter geht’s an den „Havemann-Arkaden“ vorbei, entlang der Havemannstraße bis zum Abzweig Flämingstraße und wir sehen die Gebäude von der ruhigen Seite. Die Höfe sind abgeschlossen, nur für Mieter und deren Gäste zugänglich. Alles wirkt hier sauber und aufgeräumt. Der 15-jährige Robert Lawrentz ist mit seinen Eltern vor drei Jahren hierher gezogen, fühlt sich hier wohl und vermisst eigentlich nichts. Wo der Fläming liegt und was er vielleicht sein könnte? Robert gibt offenherzig zu, es nicht zu wissen. „Ich habe mir über den Straßennamen noch keine Gedanken gemacht“, sagt er ebenso ehrlich wie lapidar.

Für Feuerwehr und Polizei dürfte in diesem Bereich die Hausnummernsuche kompliziert sein. Alle Eingänge rund um jeden Block gehören zur Flämingstraße, ein System der Nummerierung ist nicht erkennbar. Die Flämingstraße endet in einer Grünanlage, dem Seelengrabenpark an der Neuen Wuhle. Ein Spazierweg führt bis nach Köpenick, wo die Wuhle in die Spree mündet. Dort am Ende befindet sich ein kleiner Flachbau, ehemals die Schulkantine der benachbarten Schule. Jetzt heißt der Bau „Haus an der Wuhle“ und ist ein vom „Pad e.V.“ geführtes Schulungs- und Begegnungszentrum. Am Vormittag finden berufsvorbereitende Maßnahmen für benachteiligte Jugendliche statt. Am Nachmittag gibt es auch Angebote für Senioren. „Pad e.V.“ ist ein 1990 gegründeter Elternverein gegen Drogenkonsum und -missbrauch. Inzwischen gehören mehr als zehn Projekthäuser dem Verein. Karin Lüdtke sorgt hier resolut für einen geordneten Ablauf. Denn neben Werkstätten gibt es hier auch Billard, Kicker und ein kleines Café. „Beim Fläming denke ich an den Harz“, sagt sie. Eine andere Assoziation hat sie bei dem Namen nicht. Immerhin, die Richtung stimmt.

Gleich um die Ecke vom „Haus an der Wuhle“ befindet sich ein kleines Schuldorf. Wo früher zwei Schulen waren ist jetzt eine. Im Januar 2000 bezog das „Förderzentrum für sprachliche Entwicklung“, einfacher gesagt eine Sprachheilschule, die Räume.

Davor eine Brache. Hier stand – als es noch viele Kinder in Mahrzahn gab – eine Kindertagesstätte. 2004 wurde sie abgerissen. Die beiden Eingangsvorbauten zierten Bilder von Bärbel Bohley. Sie hatten „Wasser-Erde-Luft“ zum Thema. Mit dem Gebäudeabriss wurden die Bilder zerstört.

Auf der verwilderten Brache fordert ein Schild von den Marzahnern Ideen, Ideen für eine Zwischennutzung. Kostengünstig können hier Vereine, Anwohner oder Initiativen Flächen für Gärten, Spielplätze von Neuland, einem Projekt des Bezirksamtes Marzahn-Hellersdorf pachten.

Vielfach hört man auf der Straße die Entgegenkommenden russisch sprechen Kein Wunder, knapp 20 Prozent der hier lebenden Menschen sind Spätaussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion, so genannte Russlanddeutsche.

(Nächste Folge: die Niemegker Straße)

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