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Artikel vom 14.02.2007

Zwei Punkte zu viel im Straßennamen

MAZ-Serie „Der Fläming in Berlin“
Teil 6: die Weitzgründer Straße in Mahlsdorf

In vielen Orten Deutschlands – so auch in Belzig – findet man eine Berliner Straße. Wie sieht es aber in Berlin mit Straßen aus, deren Namen einen Bezug zum Fläming haben? Gut ein Dutzend Mal ist die Region auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. So erhielten allein am 3. August 1983 fünf Straßen in Marzahn den Namen von Orten aus dem Fläming. Als zu DDR-Zeiten die drei Wohngebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, wurde es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden und Orten der dort eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Auch der Weitzgrund in Belzig wurde bei der Namensvergabe berücksichtigt. MAZ-Mitarbeiter Andreas Koska stellt die Straße heute vor.

Es ist kaum zu glauben, der Weitzgrund ist in der Berliner Straßenlandschaft verewigt. Zwar ist der Buchstabe „ü“ im Namen falsch – eigentlich muss es ja Weitzgrunder und nicht Weitzgründer Straße heißen –, aber alle Zweifel können zerstreut werden: Die Benennung erfolgte nach der kleinen Ortschaft mitten im Fläminger Wald. Und zwar erfolgte die Umbenennung am 31. Mai 1951. Damals wurde aus der Sedanstraße die Weitzgründer Straße.

Weshalb es einst zu der Namensänderung kam, ist nicht überliefert. Vermutet wird, dass der frühere Name militaristisch vorbelastet war. Alle Berliner Sedanstraßen wurden nach der Schlacht bei Sedan, die am 1. September 1870 stattfand, benannt. Bei dieser Schlacht wurde Napoleon III. gefangengenommen. Damit endete auch der Deutsch-Französische Krieg. Die alljährlichen Sedanfeiern erinnerten im kaiserlichen Deutschland an diesen Sieg. Sedan wurde zum Synonym für die militärische Stärke des Kaiserreichs.

Trennung von einem vorbelasteten Namen

Grund genug also in der sozialistischen DDR, diesen Namen so schnell wie möglich zu tilgen. In Berlin gab es ursprünglich zehn Straßen dieses Namens. Auch in Treptow und Weißensee fand am selben Tag die Umbenennung statt. Zwei Sedanstraßen, in Steglitz und Spandau, haben bis heute überdauert.

Weshalb der Weitzgrund als Namensersatz ausgewählt wurde, konnte auch auf Nachfrage im zuständigen Bezirksamt nicht mehr nachvollzogen werden. Doch sei es wie es ist. Mit der S-Bah, Linie 5, geht es bis nach Mahlsdorf. Es ist der östlichste Ortsteil Berlins, kurz vor Hoppegarten mit seiner Galopprennbahn. Mahlsdorf gehört zum Stadtbezirk Marzahn-Hellerdorf. Am S-Bahnhof Mahlsdorf empfängt uns der Geruch frischen Brotes. Die Bahnhofsbäckerei backt noch selbst. Der leckere Geruch strömt über den ganzen Bahnsteig. Dort fällt ein kleiner Glaskasten auf, in dem für die Stadtteilbücherei geworben wird. Weit und breit keine Spur vom Plattenbau. Kleine märkische Bauernhäuser prägen den Bahnhofsvorplatz. Man glaubt sich eher in Wiesenburg oder Brück, nicht in der Weltstadt Berlin.

Direkt neben der Stadtteilbücherei zuckelt im 20 Minuten Rhythmus die Tram 62 nach Köpenick. Man muss sechs Stationen weit fahren. Die Stationen heißen Alt-Mahlsdorf oder Wilhelmsmühlenweg. Vorbei am Gründerzeitmuseum der Charlotte von Mahlsdorf und der Kiekemal-Grundschule heißt es am Emil-Baron-Weg aussteigen.

Über die Roedernstraße gelangt man ans Ziel. Die Weitzgründer Straße ist in guter Gesellschaft, liegt zwischen der Pariser- und Mannheimer Straße, beide haben die bekannteren Namensgeber. Viel passender zum Namensursprung ist die Lage der Straße, im Süden die Mittel- und die Dammheide, im Norden der Kaulsdorfer Busch, im Westen der Habermannsee. Alles eher ländlich, wie im Fläming und die Straße selbst.

Kleine Einfamilienhäuser, die meisten in den letzten zehn Jahren errichtet. Kein Bürgersteig, aber immerhin ist die Straße asphaltiert. Dies allerdings erst seit dem Sommer 2006. Nachdem endlich die Kanalisation gelegt wurde, hat man die Schlaglochpiste in eine befahrbare Straße verwandelt. Vor einem der Häuser steht ein herausgeputzter Wartburg 1.3 S. Ein Grabstein hat sich offenbar in einen Garten verirrt. Das Gebiet war früher Siedlungsgebiet, in dem sich eine Kleingartensparte befand, in der Dauerwohnen erlaubt wurde.

Laube Nummer 12 ist bis heute erhalten

Eine einzige dieser Lauben hat sich bis heute gehalten. Es ist die Nummer 12. Seit der Wende wird hier kräftig gebaut. Bodo Torkler hat sein Haus vor fast zehn Jahren errichtet. Er erinnert sich noch an die Schlaglöcher und ist froh, dass er nach Regen nicht mehr durch Pfützen waten muss. Den Straßennamen führt er auf eine Person zurück. Er hat seinem Navigationssystem immerhin entnommen, dass es die einzige Weitzgründer Straße in der ganzen Republik ist. Muss wohl am falschen „ü“ liegen. Nach 200 Metern ist die Straße scheinbar zu Ende. Nur scheinbar, denn sie ist nur unterbrochen. An einen Durchgang kann sich keiner erinnern. Trotzdem: Nach einem Umweg über die Freiburger- und Mannheimer Straße gelangen wir wieder zur Weitzgründer. Auch hier das gleiche Bild. Gediegene Einfamilienhäuser neueren Datums. Die beiden einzigen Gewerbebetriebe in der Weitzgründer Straße sind hier beheimatet, eine Gardinenreinigung und ein Restaurant. Dazwischen findet sich ein Anschlagbaum. Eine Katze wird vermisst. Ein Schelm der Arges dabei denkt, dass sich in der Nähe das Restaurant „China-Haus“ befindet. Auf der Terrasse sind einige Gipfel des Himalaya nachgebildet. In den Nischen der steilen Hänge sind Figuren drapiert. Mönche, Pagoden, chinesische Bauern schmücken die Felsen. Die sanften Hügel des Flämings sind mir da schon näher. Also auf nach Hause.

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