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in Treffpunkt 04-2007

Die Grunewaldstraße – von Steglitz nach Dahlem und zum Grunewald

In einem Bogen um den Fichtenberg zieht die Grunewaldstraße aus dem Steglitzer Zentrum in Richtung Dahlem. Es darf deshalb nicht verwundern, dass die Straße zuerst Dahlemer Weg hieß. Erst um 1878 erhielt sie den heutigen Namen. 1905 wurde sie endgültig ausgebaut. Danach wurde auch das Dahlemer Stück der Straße umbenannt. Seit dem März 1906 heißt sie nach Königin Luise. Genau an der Grenze zwischen den beiden ehemaligen Dörfern und heutigen Ortsteilen wechselt der Name. Da wo die Zeunepromenade auf die beiden trifft, weist ein Stein auf die Grenze hin.

Es ist schwierig in diesen wenigen Zeilen der Straße gerecht zu werden. Bau- und Naturdenkmale säumen den Weg, berühm te Persönlichkeiten wohnten rechts und links der Straße. Viele Institutionen sind hier beheimatet.

Den Spaziergang beginnen wir am Hermann-Ehlers-Platz. An der Ecke unser „Rotes Rathaus“, das demnächst wieder diese Funktion wird übernehmen müssen, da der Kreisel spätestens nächstes Jahr verwaist sein wird. Erbaut wurde es 1896-97 von Heinrich Reinhardt und Georg Süßenguth. Die beiden zeichneten auch für die Rathäuser in Spandau, Treptow und die Erweiterung des Charlottenburger Rathauses verantwortlich. In unserem Rathaus wurde am 4.11.1901 der „Wandervogel“ gegründet. Die Gedenktafel in der Vitrine an der Ecke Grunewaldstraße weist darauf hin. Im Inneren erinnerte bis vor kurzem eine weitere Gedenktafel an den Tod eines deutschen Wehrmachtsoldaten; er wurde am 24.4.1945 von der SS erhängt, weil er keinen Sinn mehr im Kämpfen sah.

Wiege der Seidenraupenzucht

Kaum jemand weiß jedoch, dass an der Stelle, wo heute das Rathaus steht, die Steglitzer Seidenraupenzucht ihren Anfang nahm. Hier wohnte seit 1847 Johann Adolph Heese. Zwischen der Schloß- und der Filandastraße ließ er Maulbeerbäume pflanzen. Die letzten Exemplare stehen noch am Althoffplatz. Die Plantagen-, Heese- und Filandastraße erinnern an das damals wichtige Zentrum der Seidenindustrie. Bis zu 130 kg gehaspelte Seide wurden hier hergestellt.

„Das Schloß“, unser neues Einkaufzentrum, zieht inzwischen Besucher aus ganz Berlin an, hier ist auch die „Ingeborg-Drewitz-Bibliothek“ untergebracht.

Gegenüber belebt ein Café den lange verwaisten „Eduard-Winter-Pavillon“; in der „Schwartzschen Villa“ wird der Hunger des Leibes und des Geistes gestillt. Theater, Galerie, Kunstamt sind hier zu Hause, daneben ebenfalls ein Café mit einem wunderbaren Garten.

Der Betreiber sind die „Mosaik Werkstätten für Menschen mit Behinderungen“. Haben Sie also Geduld, falls es etwas länger dauern sollte. Hier wird Integration groß geschrieben.

Der kleine Park steht unter Naturschutz. Zwei Rotbuchen und eine Blutbuche sind als Naturdenkmale geschützt. Der Spielplatz ist vor kurzem neu gestaltet worden und wird von den Eltern, aber auch Kindergartengruppen gut angenommen.

Auf der anderen Straßenseite, neben dem Hotel Ravenna, steht der fast 80 Jahre alte Ilex ebenfalls unter Schutz. Ecke Rothenburgstraße sollte man einen Blick in die Apotheke werfen. Seit über 70 Jahren ist sie hier ansässig. Die Betreiber legen großen Wert auf Naturprodukte und entwickeln einige Mittel selbst, z.B. eine Anti-Mückensalbe.

Brotlose Kunst

In der Grunewaldstraße 6 und später 10 wohnte August Scholtis. Scholtis war Schriftsteller, stammte aus Oberschlesien. Er war Mitglied der Akademie der Künste. Sein Schicksal ist das beste Beispiel dafür, dass anerkannte Kunst manchmal doch brotlos ist. Er verhungerte im April 1969, seine Leiche wurde erst Tage später gefunden. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Parkfriedhof Heerstraße, im Tode geehrt durch eine Ehrengrabstätte des Landes Berlin. Sein Hauptwerk „Ein Herr aus Bolatitz“ ist bei dtv als Taschenbuch zu haben.

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von Andreas Koska

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