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in Treffpunkt 05-2007

Die Grunewaldstraße – am Rande der Villenkolonie Fichtenberg

Dies ist eine Fortsetzung: zum ersten Teil

Doch und doch nicht – gehört sie zum Fichtenberg, oder nicht mehr. Die Grunewaldstraße bildet eine Grenze. Eine Grenze auch für die Villenkolonie, auch wenn einige Gebäude dem Charakter der Villenkolonie entsprechen und genügen.

Auf dem Weg nach Dahlem wandelt sich ab der Lepsiusstraße das Bild. Die Mietshäuser sind jetzt Landhäusern gewichen. Villen auf den beiden Seiten der Straße bestimmen das Bild.

An der Ecke Lepsiusstraße hat ein Gartenmarkt Exil gefunden. Das Pflanzencenter Steglitz bot über Jahrzehnte im Hof zwischen der Rothenburg- und Schloßstraße seine Dienste an. Durch den Bau des Einkaufscenters musste der Pflanzenmarkt umziehen. Da wo jetzt Blumen feilgeboten werden, gab es bis nach dem Krieg das in ganz Berlin bekannte Lokal „Alter Schwede“. Zuerst ein Delikatessengeschäft, dann kam eine Probierstube hinzu. Daraus entstand das Restaurant. Schräg gegenüber, wo heute Werbeschilder hängen, lud das Gartencafé „Wartburg“ zum Besuch ein.

Berühmte Mieter

Im Haus Nr. 13 wohnte Franz Kafka. Gleich zwei Gedenktafeln weisen auf diesen Umstand hin. Kafka ist hierher aus der Muthesiusstraße gezogen. Ständig von Geldsorgen geplagt mietete er hier eine bescheidene Wohnung. Zwei kleine Zimmer für sich und Dora Diamant, die Verlobte. Alles, was er hier schrieb, ist verschollen. Seine Erinnerungen an den Stadtpark und den heutigen Hermann-Ehlers-Platz sind jedoch erhalten geblieben.

Direkt daneben das „Haus Fichteneck“ eine öffentliche Sauna, aber auch ein Alten- und Pflegeheim. Nicht das einzige in der Straße. Die Caritas hat in der Nr. 24a ein Altenwohnhaus in einem Neubau errichtet. Eine Tafel erklärt, dass es nach Prälat Walter Adolph benannt ist und 1975 ge baut wurde. Gegenüber das Seniorenheim Steglitz des Adventswohlfahrtsverbandes.

Straße des Lebens

Die Grunewaldstraße begleitet einen durch das ganze Leben. Vom Geburtshaus Steglitz (Nr. 6) – die Geburten werden vom Balkon auf einem Schild verkündet – über den privaten Kant-Kindergarten und die Kant-Grundschule, die Institute der Freien Universität bis zu den erwähnten Seniorenheimen. In der Villa Nr. 19, heute Dr.Klenke-Haus, haben die Albert-Schweitzer- und die Alfred-Krupp-Stiftung ihren Sitz. Diese und das benachbarte Haus Nr. 20 stehen unter Denkmalschutz. Das Haus Nr. 20 an der Ecke Gritznerstr. wurde von Maximilian Gritzner erbaut. Gritzner, von Beruf Offizier, wurde nach einer Verwundung Bibliothekar. Seine Spezialgebiete waren Genealogie und Heraldik. Er entwarf das Steglitzer Wappen, bis zur Bezirksfusion hatte es Bestand. Seine Romane und Dramen hatten weniger Erfolg. In dem Hause wohnte auch Karl Siegismund. Siegesmund war erfolgreicher Verleger.

Auf ihn geht die Gründung der „Deutschen Bibliothek“ zurück, an die bis heute alle Verlage ein Pflichtexemplar abgeben müssen. Auf der anderen Straßenseite wohnte der Musikalienhändler Richard Rühle. Einige Zeit war hier sein Freund und Kompagnon – der Komponist Paul Lincke – ebenfalls ansässig. Lincke gilt als der Berlinischste aller Komponisten. Seine Operetten sind bis heute unvergessen. Sein „Steglitzer Walzer“ mag an diese Zeit erinnern. Jetzt wirken hier „art+work“ und „artplusmedia“.

Die Villa Nr. 24 stand viele Jahre leer. Hier befand sich über viele Jahre der katholische Petrusblatt Verlag und die KNA (katholische Nachrichten Agentur). Jetzt erstrahlt die 1886 erbaute Villa im neuen Glanz.

An der Ecke Paulsenstraße hat das Diakonische Werk seine Zentrale. Kurz vor der Grenze nach Dahlem sind FU Institute, Fachbereich Naturwissenschaften, in zwei Villen untergebracht. Man munkelt, dass über Auszug nachgedacht wird. Ein kleiner Grenzstein an der Ecke Zeunepromenade markiert den Namens- und Ortsteilwechsel. Auch auf dieser Straßenseite ein FU Institut. Bis vor einiger Zeit war es das Institut für Geographie, jetzt werden hier Theater-, Film- und Musikwissenschaftler ausgebildet. Das unter Denkmalschutz stehende Gebäude wurde 1938-40 von dem Architekten Lehmann gebaut. Es war ein Verwaltungsgebäude der Nazis.

Außer diesem Haus stehen auch die Villen Nr. 43 und 44 unter Denkmalschutz. Die etwas zurückgesetzte Villa Nr. 43 gehört zu den schönsten Gebäuden in der Grunewaldstraße. Erbaut 1892 für den Kunsthändler Carl Brack sieht das Haus heute etwas ungepflegt aus. Da wo jetzt in erster, zweiter und dritter Reihe zum Teil äußerst langweilige und dicht gedrängte Bebauung herrscht, erstreckten sich früher die Gärten der Villen aus der Schmitt-Ott-Straße. Darunter die des „Mühlenkönigs“ Schütt. Die Schüttschen Mühlegebäude an der Moabiter Spree stehen bis heute, in direkter Nachbarschaft zum Innenministerium.

Singender Protestzug

An ein Ereignis aus dem Jahre 1937 muss hier noch erinnert werden. Als Martin Niemöller verhaftet wurde, wollten die Dahlemer in der St. Annen-Kirche einen Gottesdienst abhalten. Die Nazis verwehrten den Zugang. Unter der Führung von Pfarrer Gottfried Garten zogen die Gläubigen in Richtung Matthäuskirche. Das Lied „Eine feste Burg ist unser Gott“ singend zog der Protestzug durch die Grunewaldstraße in unsere Kirche.

von Andreas Koska

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