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Artikel vom 06.11.2007

Der Kunstkenner und sein Haus

Den renommierten Fotografie-Experten Janos Frecot zog es nach Belzig

Sankt Marien ist neben der Burg Eisenhardt die am häufigsten besuchte Sehenswürdigkeit in der Kreisstadt. Beim Rundgang um das Kirchengemäuer bestaunen viele auch einen angrenzenden Garten ganz in der Nähe. Die Spaliere kunstvoll zusammengezimmert, die Wege verschlungen. Manch ein Besucher hat Glück, dass der Hausherr, Janos Frecot, den Bewunderer hereinbittet.

Gemeinsam mit seiner Frau Gabriele Kostas bewohnt Frecot seit inzwischen vier Jahren das unscheinbare Haus in der Straße der Einheit. Das Häuschen mitten im Zentrum der Kreisstadt wirkt wie ein vergessenes Relikt einer lange zurückliegenden Zeit.

Französischen Rosen gehört seine Liebe

Frecot zeigt gerne seinen Garten. Man merkt ihm den Stolz an. Alles selber geplant, gepflanzt, gebaut. Den alten französischen Rosen gehört seine Liebe. Auch Obstbäume haben hier ihren Platz und ein Insektenhotel.

Frecot ist zwar Gärtner aus Leidenschaft, doch sein Beruf ist das nicht. Er selbst bezeichnet sich als Publizist. Sucht man im Internet, sind die ersten 100 Einträge hinter seinem Namen mit einer Klammer versehen, dort steht: „Ehemaliger Leiter der Fotografischen Sammlung der Berlinischen Galerie“. Die Berlinische Galerie ist das Berliner Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur. Frecot war für die „Fotografische Sammlung“ verantwortlich, die heute als eine der bedeutendsten der Welt gilt.

Er ist Pensionär – das klingt nach viel Zeit und Ruhe. Sein Terminkalender beweist anderes: Berlin, Erfurt, Bremen, Wien – Ausstellungseröffnungen, Ansprachen, Vorträge, Beiratssitzungen. Hier eine Ausstellung und ein Buch über den „König der Neugierigen“, den Fotografen Erich Salomon, dort über die bislang unbekannten Fotografien des Schriftstellers Arno Schmidt.

Große Sammlungen konnte er für das Museum erwerben. Die Fotos von Heinrich Zille, Fritz Eschen und eben Erich Salomon. Nach der Wende wurde auch die DDR-Fotografiesammlung in den Bestand einbezogen.

Janos Frecot wurde 1937 in Timisoara, der Hauptstadt des Banats, in Rumänien geboren. Deutsche, Ungarn, Franzosen, Ukrainer, Slowaken, Juden und Rumänen – jeder prägte die Stadt. Als Kind kam Frecot nach Erkner, 1947 nach Berlin.

Wieso dann eigentlich Belzig? Belzig empfindet Frecot als hübsch und ansehnlich, ja fast beschaulich. Seine Frau Gabriele Kostas ist Solo-Percussionistin. Mitglied in vielen Ensembles, zur Zeit in der Latin Jazz Band „Mi Solar“. Die Dozentin der Landesmusikakademie Berlin muss viel üben. Ob die afrikanische Djembé oder die anderen Schlaginstrumente, üben erzeugt Krach. Einen Krach, der in einem Wohnhaus für Mitmieter unerträglich ist.

Kostas und Frecot dachten schon länger über einen Umzug nach. Zuerst wollten sie ausprobieren, ob sie als Stadtmenschen das überhaupt können. Land, Weite, Einsamkeit – das hat Vorteile aber auch Nachteile. Die Entfernung zur Kunstmetropole Berlin zum Beispiel. Sie fanden ein Refugium in der Nähe von Bad Freienwalde. Probleme gab es jedoch mit der Infrastruktur.

Für beide wurde „unser Häuschen in Belzig“ zum geflügelten Wort. Schließlich nahmen sie den Atlas zurate, erkundigten sich über die Zukunft der Bahnverbindungen, und die Wahl fiel auf Belzig.

Inzwischen dürfte Frecot zu einem der größten Botschafter Belzigs geworden sein. Bei allen Symposien, Kongressen, Vorträgen und Kunstbeiratssitzungen steht hinter seinem Namen „Belzig“. Da wo andere aus der Provinz lieber die Hauptsstadt hervorkehren, steht er zu seinem Wohnort.

Freude in der Fotoszene über die hohe Ehrung

Als ihm 2001 das „Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ verliehen wurde, freute sich die deutsche Fotoszene. In einer Würdigung wird Janos Frecot so zitiert: „Wenn ich mich beschreiben soll, sehe ich das Photo einer Ausstellungseröffnung vor mir. Alle erheben das Glas und feiern. Und dann sitzt da hinten einer auf der Bank. Das bin ich. Ganz still. Ich halte eine Rede – und anschließend verschwinde ich.“ Fast wie in seinem Garten.

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