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Artikel vom 21.02.2007

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BERLIN/WIESENBURG

Ohne Bewohner – aber mit Geschichte

MAZ-Serie „Der Fläming in Berlin“
Teil 7: Der Wiesenburger Weg in Berlin-Marzahn erschließt Gewerbebetriebe und mahnt mit einem Friedhof

In vielen Orten Deutschlands – so auch in Belzig – findet man eine Berliner Straße. Wie sieht es aber in Berlin mit Straßen aus, deren Namen einen Bezug zum Fläming haben? Gut ein Dutzend Mal ist die Region auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. So erhielten allein am 3. August 1983 fünf Straßen in Marzahn den Namen von Orten aus dem Fläming. Als zu DDR-Zeiten die drei Wohngebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, wurde es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden und Orten der dort eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Auch Wiesenburg wurde bei der Namensvergabe berücksichtigt. MAZ-Mitarbeiter Andreas Koska stellt die gleichnamige Straße heute vor.

Schon auf dem Weg nach Marzahn Nord ist aus dem Fenster der S-Bahnlinie 7 der Wiesenburger Weg zu betrachten. Er entpuppt sich als Straße ohne Bewohner. Auf der einen Seite liegen Bahngleise. Dies macht klar, weshalb der Weg bis 1938 noch Bahnhofstraße hieß. Am 11. Mai des gleichen Jahres wurde daraus, ohne besonderen Grund, der Wiesenburger Weg.

Auf dessen anderer Seite steht eine ehemalige Fabrik, heute ein Gewerbegebiet. Am Ende des Weges sind Bäume zu sehen, die wie ein märkischer Wald erscheinen. Dabei handelt es sich um den Parkfriedhof.

Am Bahnhof Marzahn sollte man den Zug verlassen. Auf der einen Seite ragt das im vorigen Jahr fertig gestellte Einkaufscenter „Eastgate“ heraus, daneben das Freizeitzentrum „Le Prom“.

Vorgeschichte passt nicht ins Firmenporträt

Wir nehmen den Weg auf der anderen Seite. Über die zugige Fussgängerbrücke geht es scheinbar ins Niemandsland.

Ganz zur Linken dominiert ein Gelände der „Knorr-Bremse AG“, einem weltumspannenden Konzern mit 2,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2005. Eingeweiht wurde das Werk 1941. Gebaut für „Hasse und Wrede“, ein Tochterunternehmen von Knorr-Bremse. Die Baupläne fertigte der Stab des Generalbauinspektors Hitlers, Albert Speer. „Hasse und Wrede“ war ein kriegswichtiges Werk. 40 000 Quadratmeter für den Krieg. Einziehbare Fahrwerke für Kampfflugzeuge, Panzergetriebe, Granatwerfer und Zünder wurden dort produziert.

In der im Internet nachzulesenden Firmengeschichte werden die Jahre 1939 bis 1945 jedoch gänzlich ausgespart. Vielleicht passt es nicht zur Erfolgsgeschichte der Firma, dass hier Zwangsarbeiter im großen Stil eingesetzt waren. Deren Schicksale dokumentiert der gleich auf der anderen Straßenseite liegende Friedhof. Mehr als 6000 Opfer des Zweiten Weltkriegs und der Gewaltherrschaft sind dort beerdigt. Auf den Grabsteinen liest man vor allem polnische und russische Namen.

Bis zur Wende produzierte auf dem Firmengelände die „Marzahner Werkzeugmaschinenfabrik“. Deren Produkte wurden in 33 Länder exportiert. 1991 kaufte die Knorr-Bremse das Gelände zurück. Heute ist dort ein Gewerbepark angesiedelt, auf dem verschiedene Firmen arbeiten.

Die Gebäude sind denkmalgeschützt. Die Besitzer erhielten 2006 sogar die „Quast-Medaille“ für besonders engagierten Einsatz im Denkmalschutz. Nicht jede Vergangenheit scheint erwähnenswert.

Der Parkfriedhof Marzahn wurde 1909 angelegt. Es war der große Armenfriedhof der Stadt Berlin. Fast alle von der öffentlichen Wohlfahrtspflege übernommenen Verstorbenen aus den zentralen, östlichen und nordöstlichen Bezirken wurden dort bestattet.

Selten ist die deutsche Geschichte der vergangenen 100 Jahre auf so kleinen Raum so deutlich ablesbar, wie im Wiesenburger Weg: Vom Ersten Weltkrieg über die Wirren der Gründungszeit der Weimarer Republik, die Leiden der Nazizeit bis zu den aktuellen Ereignissen, insgesamt zehn Gedenksteine erinnern an diese unterschiedlichen Ereignisse.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges wurden auf dem Friedhof auch Soldaten bestattet. Die ersten 1914, die letzten 1921. Es sind vorwiegend junge Männer, die dort liegen. Zum Beispiel Franz Marks. Gerade erst 19 Jahre alt, starb er am 1. Dezember 1916. Einer der Jugendlichen, die mit Hurraschreien die Schulbänke verließen, um freiwillig in den Krieg zu ziehen. Für viele endete das Leben wie für Franz, unter einer Eiche und einer mit Eichenlaubkranz geschmückten Platte. 141 dieser Gräber gibt es auf dem Friedhof am Wiesenburger Weg.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges begannen die Auseinandersetzungen um die Zukunft Deutschlands. Soldaten- und Arbeiterräte wurden gebildet. Der Spartakusaufstand brodelte. Die reaktionären Kräfte bildeten Freikorps. Nicht nur Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, auch weniger prominente Kämpfer wurden verfolgt und standrechtlich erschossen. Zwei „Rote Matrosen“, die Brüder Franz und Albert Gast, wurden am 12. März 1919 in Lichtenberg Opfer der Freikorps. Ihr Grab befindet sich in der Nähe.

Als 1936 die Olympischen Spiele in Berlin anstanden, wollten die Machthaber eine „weltoffene und saubere Stadt“ präsentieren. Menschen, die unliebsam waren, wurden deportiert und in Lager verschleppt. Sinti und Roma gehörten dazu. Nördlich des Friedhofs wurde das so genannte „Zigeunerlager Marzahn“ errichtet. Fast 600 Sinti und Roma sind aus ganz Berlin dorthin gebracht worden. Fast 2000 Menschen haben das Lager durchlaufen. Etwa 100 starben und sind auf dem Parkfriedhof beigesetzt. Alle anderen wurden spätestens 1943 nach Auschwitz deportiert. Nur 25 überlebten den Krieg. Ein Gedenkensemble erinnert an deren Schicksal. Die bronzene Gedenktafel wurde 1991 eingeweiht.

Aus Verbündeten wurden Feinde

Ob es daran lag, dass der Friedhof am Stadtrand liegt, ist nicht bekannt. Auf jedem Fall schien er geeignet, um die Toten des Regimes unter die Erde zu bringen. Die Todesmaschinerie in Plötzensee arbeitete auf Hochtouren. Über 3000 Todesurteile wurden dort vollstreckt. Fallbeil und Strick waren die Methoden. Vollstreckt wurden die Todesurteile des Volksgerichtshofs. Ob aktiver Widerstand oder nur ein in der Öffentlichkeit erzählter politischer Witz, alles konnte den Tod zur Folge haben. Die Leichen wurden verbrannt. 46 Urnen kamen nach Marzahn.

Nicht nur bei „Hasse und Wrede“, auch in anderen Betrieben wurden Zwangsarbeiter eingesetzt. Viele von ihnen starben bei Bombenangriffen der Alliierten. Schutzunterkünfte für die Zwangsarbeiter gab es nicht. Frauen aus Lodz setzten 2004 einen Gedenkstein, um an 20 ihrer Kolleginnen, die bei der AEG in Wedding starben, zu erinnern. Ebenfalls 2004 wurde das „Denkmal zur Erinnerung an die Opfer der Zwangsarbeit 1939-1945“ aufgestellt. Nach heutigen Erkenntnissen sind mindestens 1400 von ihnen, davon etwa 100 Kinder, hier in Reihengräbern beerdigt.

Schon seit 1952 erinnert eine Schwurhand an dieselben Ereignisse. 1998 wurde der sowjetische Soldatenfriedhof samt Ehrenmal restauriert. Dort liegen zirka 400 Soldaten, die im Kampf um Berlin fielen.

Die italienische Regierung hat schon 1996 einen Gedenkstein aufgestellt, um ihrer gefallenen Soldaten, aber auch Zivilisten zu gedenken. Zuerst noch Verbündete, wurden am Ende auch die Italiener zu Feinden Hitlers. Für den Gedenkcharakter des Parkfriedhofs spricht ein weiteres Mahnmal. So wird seit August 2002 der Russlanddeutschen gedacht, die unter Stalin getötet wurden. Der Ort wurde gewählt, weil die Hälfte der in Berlin lebenden Spätaussiedler aus Russland im Bezirk Marzahn-Hellersdorf wohnt.

Vielleicht ist die Weitläufigkeit des Friedhofs mit vielen Bänken, Birken und den beiden Teichen notwendig, um Zeit zu haben, Zeit zum Nachdenken über die deutsche Geschichte und deren Folgen für die Menschen, für uns.

Auch Kanzlerspion liegt dort begraben

Nachdem die Großsiedlung Marzahn errichtet wurde, ist der Parkfriedhof zum zentralen Friedhof des Bezirks geworden. Die „normalen Gräber“ reihen sich brav entlang kleiner Wege. Hier ist die neuere deutsche Geschichte anzutreffen. Als ich kürzlich den Friedhof besuche, fällt mir ein frisch geschmücktes Grab auf. Einige Blumengestecke und Sträuße liegen ordentlich geordnet auf der Grabplatte. Günter Bröhl, der am 11. April 1995 verstorben ist, liegt dort. Jetzt wäre er 80 Jahre alt geworden. Der Friedhofsgärtner berichtet, dass am Morgen viele ältere Menschen das Grab aufgesucht haben, das Grab eines Mannes, der einst zum Sturz eines Bundeskanzlers beigetragen hat. Als Günther Guillaume hat er im Auftrag des DDR-Nachrichtendienstes Willy Brandt ausgeforscht. Als er aufflog, dankte Willy Brandt ab.

Der Spaziergang wird durch ein von der Friedhofsverwaltung herausgegebenes, informatives Faltblatt erleichtert. Es liegt im Friedhofsbüro aus. Die Leiterin, eine nette junge Dame, die ihren Namen nicht nennen will, auch wenn er im Faltblatt nachlesbar ist, kennt zwar Belzig, hat aber von Wiesenburg noch nie etwas gehört. Jetzt hat sie versprochen, bei Gelegenheit Wiesenburg zu besuchen.

Manfred Lüders fährt gerade seinen Wagen in die Garage gegenüber dem Friedhof. „Die Straße ist bestimmt nach den früher hier vorhandenen Wiesen benannt“, glaubt er. Wiesenburg kennt er nur als Autobahnabfahrt der A 9. Der Rentner wohnt eine Viertelstunde weit weg, auf der anderen Seite der Bahn. Für den sicheren Platz für sein Fahrzeug macht er gern den Spaziergang. Unser ist hier zu Ende.

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