Übersicht der MAZ-Artikel anzeigen

Artikel vom 28.02.2007

Artikel bei der MAZ anzeigen

BERLIN/WIESENBURG

Spontan das Sabinchenlied angestimmt

MAZ-Serie „Der Fläming in Berlin“
Teil 8: die Treuenbrietzener Straße im Märkischen Viertel

In vielen Orten Deutschlands – so auch in Belzig – findet man eine Berliner Straße. Wie sieht es aber in Berlin mit Straßen aus, deren Namen einen Bezug zum Fläming haben? Gut ein Dutzend Mal ist die Region auf Straßenschildern der Hauptstadt vertreten. So erhielten allein am 3. August 1983 fünf Straßen in Marzahn den Namen von Orten aus dem Fläming. Als zu DDR-Zeiten die drei Wohngebiete Marzahn, Hellersdorf und Hohenschönhausen entstanden, wurde es Brauch, die Straßenzüge nach Heimatgegenden und Orten der dort eingesetzten Bauarbeiter zu benennen. Auch die Sabinchenstadt Treuenbrietzen wurde bei der Namensvergabe berücksichtigt. MAZ-Mitarbeiter Andreas Koska stellt die gleichnamige Straße heute vor.

Die Wohnungsnot in Westberlin war zu Zeiten, da die Mauer die Stadt teilte, groß. Am Stadtrand entstanden Satellitenstädte, im Süden die Gropiusstadt, im Norden das Märkische Viertel.

Das Märkische Viertel liegt im Bezirk Reinickendorf. Hier, wo die Siedlung entstand, befand sich bis dahin die größte Notwohnungssiedlung Berlins. In kleinen Lauben wohnten tausende von Menschen unter zum Teil menschenunwürdigen Umständen. Gleichzeitig war die Lage in den so genannten Sanierungsgebieten der Innenstadt nicht besser. Die Idee war, durch den Bau dieses Viertels für alle bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. So zogen vor allem Weddinger, Moabiter und die Bewohner der Notsiedlung in die Neubauten. Auf 392 Hektar entstanden damals 16 943 Wohnungen. Alle in Plattenbauweise in Häusern mit bis zu 15 Stockwerken. Im Nachhinein betrachtet eine städtebauliche Sünde. Die Straßen wurden einst alle nach märkischen Orten benannt. Zum Beispiel Eichhorst, Finsterwalde, Senftenberg oder eben Treuenbrietzen. Mit dem Bau wurde 1963 begonnen, die letzte Wohnung am 1. Februar 1974 bezogen. Die Treuenbrietzener Straße erhielt – kein Aprilscherz – am 1. April 1967 ihren Namen.

Riesige Parkplätze in der Neubausiedlung

Um hierher zu kommen, sollte man die S-Bahn S 1 oder die U-Bahn U 8 bis Wittenau benutzen. Von dort fahren mehrere Busse, zum Beispiel M 21 oder X 21 bis zur Treuenbrietzener Straße.

Nach dem Ausstieg an der Ecke des Wilhelmsruher Damms beginnt der kleine Spaziergang durch die Neubausiedlung. Es fallen vor allem die riesigen Parkplätze auf. Die Häuser rücken in den Hintergrund. An den Bäumen merkt man, dass sie in den Anfangszeiten der Siedlung gepflanzt worden sind, eine inzwischen grüne Oase. Selbst jetzt im Winter gut vorstellbar.

Die mittlerweile bunten Betonriesen dominieren den Blick gen Himmel. Geschäfte gibt es in der ganzen Straße nicht. Ein kleiner Zeitungskiosk drängt sich im Erdgeschoss eines Wohnsilos, übernimmt die Nahversorgung. Karl-Heinz Nowak betreibt den Laden seit sechs Jahren. Treuenbrietzen liegt in der Mark, da ist er sich ganz sicher. Wo genau, weiß er allerdings nicht. „Ich komme selten raus, hab’ auch am Sonntag geöffnet“ sagt er. Und fügt hinzu: „Allerdings habe ich zwei Ausgaben der Märkischen Allgemeinen im Sortiment.“

Hier kauft gerade Anne Lawrenz ein. Sie gehört zu den Mieterinnen der ersten Stunde. Seit 37 Jahren wohnt sie hier. Hat die Siedlung, die zahlreichen Kinder, auch ihre drei eigenen, und die Bäume wachsen und sich verändern sehen. Sie fühlt sich immer noch wohl hier, würde nirgends woanders wohnen wollen. „Durch Treuenbrietzen bin ich mal auf dem Weg nach Jüterbog durchgefahren“ sagt sie und stimmt auch sofort das Sabinchenlied an. Den Sommer verbringt sie gern in ihrem Garten in Spandau. Den Gartenwunsch hat auch die größte Wohnungsbaugesellschaft im Viertel, die GeSoBau, erkannt. Sie hat Mietergärten angelegt.

Alle Gärten sind inzwischen vermietet

Einige davon befinden sich in der Treuenbrietzener Straße. Sie wurden gut angenommen und sind alle vermietet. Vielleicht auch der Grund dafür, dass sich der Leerstand in überschaubaren Grenzen hält. Rechts und links der Gärten befinden sich zwei kleine lebhaftere Zentren. Auf der einen Seite die Waldorfschule „Märkisches Viertel“. 1981 gegründet, zog sie 1987 hierher. Die Schule wird von etwa 400 Schülern – unterrichtet von 35 Lehrkräften – besucht.

Von der 1. Klasse bis zum Abitur ist der Schulbesuch möglich. Die Schüler haben eine eigene Firma – „Die Steinbrücke“ – gegründet. Der Umsatz mit Steinen und Mineralien hat die Grenze von 100 000 Euro überschritten. Die Anbauten der Schule wurden nach ökologischen Gesichtspunkten errichtet, zum Beispiel mit Dachbegrünung. Flankiert wird die Schule von einer städtischen Kindertagesstätte.

Auf der anderen Seite der Gärten kann man sich sportlich betätigen. Squash, Tennis und Badminton können im Sportcenter gespielt werden. Die Straße endet an einem Industriegebiet, das sich wie ein Band entlang des ehemaligen Mauerstreifens an der Grenze zu Pankow zieht. Ein Farbtupfer fällt an der Ecke Wesendorfer Straße ins Auge – eine der modernen Paketstationen der Post, gelb und grell.

Es ist schon erstaunlich, dass der Künstler Roger Loewig in dieser Umgebung schöpferisch tätig sein konnte. Im Haus Wilhelmsruher Damm mit Blick auf die Treuenbrietzener Straße hatte er sein Atelier. Als er 1972 aus der DDR emigrierte, zog er hierher. In einem Jahr soll das Roger-Loewig-Museum in Belzig eröffnet werden. Der Kreis schließt sich. (Ende der Serie)

Übersicht der MAZ-Artikel anzeigen

 
medien/maz/20070228.txt · Zuletzt geändert: d.m.Y H:i (Externe Bearbeitung)
 
Recent changes RSS feed Creative Commons License Donate Powered by PHP Valid XHTML 1.0 Valid CSS Driven by DokuWiki